Kurze Biografie von

Sigi Feigel

Sigi (Sigmund) Feigel wurde am 17. Mai 1921 in Zürich geboren. Sein Vater war 1904 vor Pogromen [Judenverfolgungen] aus der Ukraine in die Schweiz geflohen. 1924 zog die Familie Feigel nach Hergiswil am Vierwalstättersee (Nidwalden). Dort wuchs Sigi Feigel auf, besuchte die Schulen und machte seine ersten Erfahrungen als Angehöriger der jüdischen Minderheit in der Schweiz - ein Schulfreund brach mit dem Beginn seines Studiums den Kontakt zu ihm ab, weil er befürchtete, sonst seine politische Karriere zu gefährden.

Schon während seiner Studienzeit war Sigi Feigel massgeblich mitbeteiligt am Aufbau der Jüdischen Studentenschaft der Schweiz und am Wiederaufbau der World Union of Jewish Students (WUJS) nach dem 2. Weltkrieg. Bereits damals setzte er sich vehement gegen den Antisemitismus [Benachteiligung und Verfolgung der Juden] ein.

Sigi Feigel studierte an der Universität Zürich Rechtswissenschaften und schloss mit dem Doktortitel 1949 ab. Im gleichen Jahr heiratete er Evi Heim aus Zürich. Weil kurz darauf sein Schwiegervater starb, übernahm Sigi Feigel die Leitung von dessen Konfektionsfabrik H. und A. Heim AG, wollte diese allerdings bald wieder abgeben. Schliesslich wurden aber doch 27 Jahre daraus, in denen Sigi Feigel sich einen soliden Ruf als Unternehmer schuf. 1977 verkaufte Sigi Feigel die Fabrik, um sich doch noch seinem Traumberuf Rechtsanwalt zu widmen - nach erneutem Studium erwarb er 1983, bereits 62-jährig, das Anwaltspatent und gründete eine Anwaltskanzlei. Dabei war er nicht wie viele andere an lukrativen [grossen Gewinn versprechenden] Mandaten [Aufträgen] interessiert, sondern wollte sich für unterprivilegierte Leute einsetzen, denen Unrecht geschehen ist.

Bekannt geworden ist Sigi Feigel jedoch vor allem während seiner 14 Jahre als Präsident und später Ehrenpräsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) und als Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) (1984-1996). Selbst ausgesprochen liberal und weltoffen eingestellt, warb er sowohl bei der Schweizer Bevölkerung für die Anliegen der jüdischen Minderheit wie auch bei den orthodoxen [strenggläubigen] Juden für Offenheit nach dem Grundsatz "Leben und leben lassen"

Das Engagement von Sigi Feigel beschränkte sich nicht auf die Belange seiner eigenen Glaubensgemeinschaft. Nach den Jugendunruhen von 1980, die sich nicht nur an der Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum (AJZ), sondern auch an einem ausgetrockneten Wohnungsmarkt für Jugendliche entzündet hatten, gründete Sigi Feigel als konstruktive Antwort mit Vertretern der Zürcher Parteien den Verein für Jugendwohnhilfe, der seither Tausenden von Jugendlichen zu günstigem Wohnraum verholfen hat.

Auf die Initiative Sigi Feigels gehen auch die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (mit Alfred A. Häsler), die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und die Stiftung Erziehung zur Toleranz sowie die Einrichtung des Fischhof-Preises zurück. (Mit dem Fischhof-Preis werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich gegen Rassimus einsetzen.) Sigi Feigel gehörte denn auch zu den geistigen Vätern der Antirassismus-Strafnorm, mit der rassistischer Hetze und einer Verluderung des politischen Stils eine klare Grenze gesetzt werden soll.

Von liebenswürdiger Art und nie beleidigend im Ton konnte Sigi Feigel durchaus Klartext reden und Zivilcourage zeigen. So warnte er in den späten 1990-er Jahren davor, "die Schweiz" wegen einiger - im Rückblick durchaus höchst fragwürdiger - Ereignisse vor und während dem 2. Weltkrieg pauschal als Komplizen des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland zu verurteilen. Sigi Feigel wies die aus seiner Sicht übertriebenen pauschalen Attacken einiger jüdischer Organisationen aus den USA gegen die Schweiz differenziert, aber deutlich zurück. Umgekehrt scheute er sich auch nicht, die heutige Regierung von Israel (Sharon) in mehreren öffentlichen Briefen zur Vernunft im Nahost-Konflikt und zur Respektierung der Menschenrechte in den von Israel besetzten Palästinensergebieten zu mahnen.

Während viele Sigi Feigel wegen seiner Zivilcourage hoch achteten und für seinen Mut auszeichneten (so die Gruppe christlicher Unternehmer 1994 und die die Zeitschrift Beobachter) und ihm die juristische Fakultät der Universität Zürich 1998 die Ehrendoktorwürde verlieh, erhielt er von anderen auch anonyme und offene Schmäh- und Drohbriefe.

Sigi Feigel starb nach langer Krankheit im Alter von 83 Jahren am 28. 8. 2004 in Zürich. Er wurde am 31.8.2004 auf dem Israelitischen Friedhof Oberer Friesenberg (Zürich) beigesetzt. Am 12. 9. 2004 gaben rund 750 Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft an einer Abschiedsfeier im Gemeindehaus der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich Sigi Feigel die letze Ehre und gedachten nochmals seiner Zivilcourage, Tatkraft und Gradlinigkeit.



Würdigungen von Sigi Feigel

"Sigi Feigel ... war für mich ein grosser Humanist, ein Mensch mit hoher Sensibilität. Was ich an ihm bewunderte, war seine Zivilcourage. Er hatte stets sehr klare Positionen, aber er verstand es, diese auf eine Art zu vertreten, die vielleicht sogar von denen, die anders dachten, akzeptiert wurde. Sigi Feigel war völlig unbestechlich und kritisierte überall dort, wo er es nötig fand, auch in seinen eigenen Kreisen. Dadurch hatte er eine Glaubwürdigkeit, die ihm - obschon er kein Politiker war - politischen Einfluss verlieh. Eindrücklich war sein Kampf gegen alle Aspekte des Rassismus."
(Alt Bundesrat Kaspar Villiger, in: Tages-Anzeiger, 30.8.2004, S. 11)

"Eine moralische Autorität ohne Amt und Hausmacht"
(Alt Bundesrat Kaspar Villiger, in: NZZ online, 13.9.2004)

In der schwierigen und schmerzlichen Holocaust-Debatte habe Feigel Brücken gebaut. Und zwar nicht von einer diffusen Mitte her, sondern von einer klaren Position aus. Feigels Vorbild werde noch lange wirken. Gerade in unserer heutigen Welt, in einer Zeit, in der die Verunsicherung gross sei, brauche es Menschen wie Sigi Feigel, die klar Stopp riefen. Sigi Feigel habe es aber nie bei Worten bewenden lassen, sondern stets gehandelt. (Alt Bundesrat Kaspar Villiger in seiner Ansprache an der Gedenkfeier für Sigi Feigel am 12.9.2004, nach: www.news.ch"

"Sigi Feigel war der festen Überzeugung, dass Bildung und Aufklärung die besten Mittel gegen Antisemitismus und Rassismus darstellen. Darum setzte er sich gür gute Lehrmittel nicht nur im jüdischen Unterricht, sondern auch in den öffentlichen Schulen ein. Sein Engagement für die Gesamtgesellschaft ist schweizweit vorbildlich. Als jüdischer Mensch so offen aufzutreten, braucht starken Mut."
(Michel Bollag, ehemaliger Rabbinatsassistent der Israelitischen Cultusgemeinde Zrüich (ICZ), in: Tages-Anzeiger, 30.8.2004, S. 11)

"Sigi Feigel ist für mich eine wichtige Person, die sich immer um den Dialog bemüht hat. Sein Einsatz für die Rechte der Minderheiten ist beispielhaft. Er hat gegen den Antisemitismus gekämpft und sich gleichzeitig für die muslimische Minderheit in der Schweiz eingesetzt. Die Verständigung war ihm ein wichtiges Anliegen - unabhängig von der Problematik des Nahen Ostens."
(Taner Hatipoglu, Vizepräsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich, in: Tages-Anzeiger, 30.8.2004, S. 11)

"Sigi Feigel war ein Fixstern des schweizerischen Judentums - tolerant, dialogfähig und weltoffen. En Kämpfer gegen den Rassismus, ein Vermittler zwischen den Standpunkten, ohne faule Kompromisse einzugehen."
(René Zihlmann, Präsident der römisch-katholischen Zentralkommission des Kantons Zürich, in: Tages-Anzeiger, 30.8.2004, S. 11)

"Er kämpfte gegen den Antisemitismus, mahnte aber auch Israel zur Vernunft. Sigi Feigel engagierte sich ein Leben lang für Gerechtigkeit und Menschlichkeit."
(Blick, 30.8.2004, S. 10)

Mit dem Tod von Sigi Feigel sei eine Stimme verstummt, die weit über die Schweiz hinaus gehört wurde. Sigi Feigel habe die Debatte um die nachrichtenlosen Vermögen von Holocaust-Opfern und die Einführung des Antirassismus-Gesetzes mit überlegtem, kritischem Geist mitgeprägt.
(Bundespräsident Joseph Deiss, in: Neue Luzerner Zeitung, 30.8.2004, S. 44)

Sigi Feigels Tod sei ein grosser Verlust für alle, die sich für Frieden und Toleranz einsetzen.
(Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, in: Neue Luzerner Zeitung, 30.8.2004, S. 44)

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Literaturhinweise


© 2004 Markus Jud, Luzern Letztes Update: 13.9.2004
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